Die Technik der Introvision (3. Artikel: Nachhaltiges Coaching)

Newsletter Konstanzer Seminare Mai 2013

Die Technik der Introvision

Im vorigen Newsletterbeitrag wurden die inneren Konflikte mit den zugrundeliegenden Imperativen geschildert und wie der Verstand versucht, damit umzugehen. Der Verstand tut das, wofür er da ist: Er greift ein und sucht nach Lösungen. Dass das jedoch nicht die beste Vorgehensweise ist, haben inzwischen viele psychologische Studien gezeigt. Denn die vom Verstand präsentierten Lösungen zeitigen, gerade im Falle tief gehender Imperative, die miteinander im Clinch liegen, immer nur eine kurzfristige Wirkung, aber keine endgültige Auflösung des Konflikts. Durch die Anstrengungen des Verstandes kann es sogar dazu kommen, dass das „Alarmsystem“, das in der Amygdala beheimatet ist und dafür zu sorgen hat, dass wir vor „Gefahr“ gewarnt werden, sozusagen immer größere Gebiete abdeckt. So wird zum Beispiel auch das Phänomen erklärt, dass Phobien, die nicht behandelt werden, die Tendenz haben, immer weitere Bereiche zu erfassen – die Alarmglocke schrillt bei immer unspezifischeren Reizen.

In der Forschung konnte jedoch nachgewiesen werden, dass es eine Technik gibt, mit deren Hilfe innere Konflikte tatsächlich dauerhaft und endgültig aufgelöst werden können. Diese Technik heißt Introvision. Introvision besitzt Ähnlichkeiten mit der von der Verhaltenstherapie entwickelten „Reizkonfrontation“, funktioniert jedoch anders. Denn Introvision baut auf der Achtsamkeitstechnik aus dem „Mindfulness Based Stress Reduction“ – Programm, kurz MBSR genannt, auf. Das ist eine weitgehend meditative Technik, ursprünglich entwickelt, um, wie der Name sagt, Stress zu reduzieren. Im MBSR lernt man, eine innere Haltung einzunehmen, die sich darauf beschränkt, rein beobachtend wahrzunehmen, was gedanklich geschieht.

Gedanken einfach nur wahrnehmen

Die „untrainierte“ Reaktion auf einen alarmierenden Gedanken wie etwa „Mein Projekt könnte schiefgehen“ besteht für gewöhnlich darin, dass dieser Gedanke komplett die Regie übernimmt. Man denkt ständig über dieses Projekt nach, sucht krampfhaft nach Mitteln und Wegen, ein Scheitern zu verhindern, beruhigt sich mit einer Aufzählung aller absichernden Maßnahmen, die man unternommen hat und versucht so alles, um wegzukommen von dem Gedanken „Mein Projekt könnte schiefgehen“. Im MBSR lernt man jedoch, eine Haltung einzunehmen, bei der man solche Gedanken einfach nur beobachtet. Das heißt, man schaltet eine Instanz ein, die solche Gedanken wahrnehmen kann, ohne ihnen zu folgen oder sich von ihnen absorbieren zu lassen. Das führt zu einer weiten inneren Wahrnehmung, die rein konstatierend ist, ohne etwas zu bewerten. Und das führt in der Folge dazu, dass man nicht in dem bei Stress üblichen „Tunnelblick“ steckenbleibt, der nur noch auf einen Punkt fokussiert ist. Die Wahrnehmung bleibt weit gestellt.

Veranschaulichen lässt sich das vielleicht so: Wenn ein alarmierender Gedanke auftaucht, nimmt man ihn in dieser Haltung des konstatierenden Beobachtens so wahr, wie wenn man die Ringe beobachtet, die ein ins Wasser geworfener Stein verursacht. Man springt nicht hinterher, sondern nimmt einfach zur Kenntnis, was für Wellen dieser Stein schlägt, wie hoch sie sind, wie weit sie gehen oder was es sonst noch zu sehen gibt – mehr nicht. Man trainiert sich also darin, bei sich selbst wahrzunehmen, was ein alarmierender Gedanke alles auslöst und zwar auf allen Ebenen. Das reicht von den heftigen körperlichen Reaktionen, von denen die Gedanken begleitet sein können – starkes Herzklopfen, Enge in der Brust, Magendrücken, Übelkeit und ähnliches, über die emotionalen Auswirkungen wie Unwohlsein, Angst bis hin zu Panik oder Gefühle von Traurigkeit, bis zu den weiterführenden Gedanken, die aufkommen, die auch Bilder oder Erinnerungen beinhalten können.

 Konflikte dauerhaft lösen

Will man einen Konflikt dauerhaft auflösen, besteht die Kunst darin, sich dem alarmierenden Gedanken zu stellen, sich jedoch dabei von keiner der beschriebenen Reaktionen mitnehmen zu lassen – dann würde man dem Stein hinterher springen – sondern in der weiten Wahrnehmung zu bleiben. In diesem Beobachtermodus bleibt man, so lange man ihn aufrechterhalten kann. Wenn man spürt, dass die Haltung des reinen Wahrnehmens verloren geht, ist es sinnvoller, die Introvision zu unterbrechen, um nicht im üblichen Reaktionsmuster zu landen. Das bedeutet, wenn ein Konflikt sehr belastend ist, kann es sein, dass jemand zunächst immer nur kürzeste Zeiteinheiten in der Introvision bleiben kann, weil er vielleicht schon nach ein oder zwei Minuten von seinen Gedanken mitgerissen wird, wodurch sein Erregungslevel wieder steigt.

Um gut mit Introvision zu arbeiten, muss jemand also zunächst diese Art der weiten Wahrnehmung trainieren. Wenn dieser Schritt vom Klienten beherrscht wird, besteht der nächste darin, dass der Coach den „Imperativ-Verletzungs-Gedanken“ mit ihm herausarbeitet. Wir nehmen als praktisches Beispiel den Fall, dass ein Klient eine schwierige Präsentation vor sich hat, von der für die gesamte Firma sehr viel abhängt, und die ihm sehr viel Kopfzerbrechen bereitet. Sein Imperativ lautet „Ich darf bei dieser Präsentation auf gar keinen Fall Fehler machen!“ Nun tauchen bei ihm aber immer wieder Ängste auf, dass genau das passieren könnte. Der Coach legt mit ihm den Imperativ-Verletzungsgedanken offen, etwa: „Es kann sein, dass ich bei dieser Präsentation scheitere“ und nun nimmt der Klient mit diesem Satz die Haltung der weiten Wahrnehmung ein. Er konstatiert einfach nur, was dieser Satz alles bei ihm auslöst.

 

Das ist selbstverständlich nicht einfach, denn allein der Gedanke bewirkt unter Umständen schon starke Emotionen, die ihn mit sich ziehen, oder er hat weitere Gedanken im Schlepptau, die ihn ebenfalls mit sich ziehen. Oder es passiert etwas, dass gerade stark kopf-betonte Menschen gern machen und gut können: Man beginnt zu analysieren. „Warum habe ich davor solch eine Angst? Weshalb kommt genau diese Erinnerung im Moment bei mit hoch? Was hat das mit diesen Umständen vor zwanzig Jahren zu tun, wo ich mich auch so und so gefühlt habe? Wie kann ich anders mit der Situation heute umgehen?“

 Ausweichverhalten bringt nicht weiter

Der Klient hat unversehens begonnen, aktiv über den Imperativ nachzudenken – das ist jedoch nichts anderes als ein weiteres Ausweichmanöver, nur weg von dem Gedanken „Ich könnte scheitern“.

Dieses Ausweichverhalten bringt jedoch nicht wirklich weiter, bei der nächsten Gelegenheit tauchen die Ängste wieder auf. Deshalb muss man den Klienten anleiten, in der Haltung der weiten Wahrnehmung zu bleiben, das heißt, ohne jegliche Wertung zu konstatieren: „Aha, jetzt kommt diese Erinnerung. Jetzt folgt jener Gedanke. Jetzt spüre ich Herzklopfen. Jetzt fühle ich starken Druck im Magen. Jetzt wird meine Anspannung geringer…“ und so weiter. Das ist zwar nicht völlig passiv, denn man hält die Aufmerksamkeit bei dem Grundgedanken „Es kann sein, dass ich scheitere“, unterscheidet sich aber doch stark vom aktiven Nachdenken, denn außer der Fokussierung wird nichts unternommen: Man versucht nichts herauszufinden und man fasst auch keine Beschlüsse. So wie man vom sicheren Fenster aus einen Gewittersturm beobachten würde, so beobachtet man das Gedankengewitter.

Um dem Imperativ-Verletzungsgedanken seine zersetzende Kraft zu nehmen, muss man diese Art der Betrachtung so lange durchführen, bis er keine negativen Begleiterscheinungen mehr zur Folge hat. Das geht manchmal relativ schnell, manchmal dauert es länger. Unter Umständen muss jemand ein paar Wochen lang jeden Tag für zehn Minuten die weite Wahrnehmung mit seinem Satz trainieren, bevor er ihn überwunden hat.

In wissenschaftlichen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass diese Art der weiten Wahrnehmung das Alarmsystem in der Amygdala tatsächlich zu beruhigen vermag, so dass, um auf das Beispiel zurückzukommen,  der Gedanke „Es kann sein, dass ich scheitere“ beim obigen Manager keine Alarmreaktionen mehr auslöst. Er ist ab sofort als Gedanke nicht beängstigender als der Gedanke „Es kann sein, dass mir ein Blumentopf auf den Kopf fällt.“

 Erfahrungen aus der Praxis

Meine Erfahrungen mit Klienten bestätigen, dass Introvision im Coaching hervorragende Ergebnisse bringt. So habe ich zum Beispiel mit einem Manager gearbeitet, der ein sehr wichtiges Projekt zu leiten hatte, das ihn sowohl fachlich als auch bezüglich der Rahmenbedingungen bis an die Grenze gefordert hat. Als er ins Coaching kam, war sein Zustand so angespannt, dass er nachts kaum noch schlafen konnte, so sehr wurde er von Gedanken an das Projekt umgetrieben und an den Wochenenden überfielen ihn regelmäßig Panikattacken. Nach den ersten anderthalb Stunden mit Introvision konnte er zu seiner Überraschung anschließend wieder gut schlafen und die Panikattacken hatten ein Ende. Zwar beschäftigte er sich immer noch mit den Schwierigkeiten seines Projektes, aber auf eine rationale Art und Weise. Es war nicht mehr so, dass sein gesamtes inneres System sich im Alarmzustand befand, sondern er konnte im Sinne einer sachlichen Problemanalyse mit der Situation umgehen.

Introvision bringt jedoch nicht nur auf berufliche Schwierigkeiten bezogen schnelle und intensive Hilfe. Bei einer junge Frau, die ins Coaching kam, weil sie eine neue Stelle angenommen hatte und sich deshalb unsicher fühlte, stellte sich sehr schnell heraus, dass ihr Hauptproblem im Moment darin bestand, dass sie zutiefst davon überzeugt war, eigentlich nicht liebenswert zu sein. Sie glaubte sich von ihrer Ursprungsfamilie nicht geliebt und war davon überzeugt, dass ihr Freund mehr an ihren Freundinnen als an ihr interessiert sei. In der Introvisionsarbeit kam als Imperativ sehr schnell der Satz „Man muss mich auf jeden Fall mögen“ zu Tage, und der Verletzungsgedanke lautete demzufolge „Aber es kann sein, dass ich nicht geliebt werde“. Sie hatte das Prinzip der weiten Wahrnehmung rasch verstanden und konnte gut damit umgehen, so dass nach lediglich einer Stunde Coaching sich emotional bei ihr schon erstaunlich viel gelöst hatte. Sie ging sehr entspannt nach Hause und dieses kurze Coaching hatte zur Folge, dass selbst ein Streit mit ihrem Freund, etwas das früher zu großer Verzweiflung bei ihr geführt hatte, sie nicht aus der Bahn warf.

Als ehemaliger Psychotherapeut finde ich es besonders interessant und auch überraschend, dass selbst solch ein heftiges Thema wie die Angst, nicht geliebt zu werden, sich so schnell auflösen kann. Doch in diesem, wie in allen anderen Fällen, in denen ich Introvision eingesetzt habe, ist die Wirkung anhaltend. Und das ist für mich auch das Faszinierende an Introvision, dass nämlich mit dieser Methode grundlegende Probleme elegant gelöst werden können – ohne psychotherapeutische Arbeit, ohne Wühlen in der Vergangenheit. Entwickelt in der pädagogischen Psychologie, als pädagogische Beratungstechnik, ist diese Technik in meinen Augen ein revolutionäres Instrument für das Coaching, denn sie ermöglicht ein tief gehendes Arbeiten, das mehr bringt, als ich je für möglich gehalten hätte, weil man damit den Klienten unterstützen kann, seine grundlegenden inneren Konflikte aufzulösen und dadurch altes, unerwünschtes Verhalten dauerhaft zu beseitigen. Die „Rückfälle“ in alte Muster, die leicht auftreten, wenn die Belastung höher wird, bleiben aus und damit wird Coaching tatsächlich nachhaltig.

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