Systemisches Coaching und Introvision

Eine gerade durchgeführte Untersuchung hat ergeben, dass sich systemisches Coaching in Deutschland mehr als in anderen westlichen Ländern großer Beliebtheit erfreut. Während bei uns die systemischen Coaches die Mehrzahl zu bilden scheinen, spielt das systemische Coaching zum Beispiel in Amerika überhaupt keine Rolle. Weshalb sich das so entwickelt hat, entzieht sich meiner Kenntnis, erklärt sich aber vielleicht aus der deutschen Vorliebe für klare Strukturen und weil „systemisch“ so schön nach „systematisch“ klingt?

Wie auch immer, systemisches Coaching hat natürlich auf jeden Fall etwas zu bieten:

Im systemischen Denken wird der Kontext, der bei anderen Verfahren vielleicht etwas vernachlässigt wird, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestellt, und das bietet ganz klar interessante Ansätze. Man geht dabei davon aus, dass menschliches Verhalten eher aus dem Kontext erklärbar und verstehbar wird, als aus der individuellen Geschichte. Das trifft sicher recht häufig zu, weshalb systemisches Denken im Coaching eine große Hilfe ist. Besonders, wenn man es mit systemischen Problemen zu tun hat, Problemen also, die nicht an einem Individuum festzumachen sind – würde man die Individuen austauschen, hätten sie alle ganz ähnliche Probleme. Da liegt es auf der Hand, dass das System den Einzelnen und seine Reaktionsweisen beeinflusst. Allerdings trifft es sicherlich genauso häufig zu, dass das Ersetzen einer Führungskraft tatsächlich doch zu einer Verbesserung oder zum Auflösen der Schwierigkeit führt, was darauf hinweist, dass es das individuelle Thema des vorigen Chefs war, welches das Problem verursacht hat und nicht der Systemzusammenhang.

Was meiner Erfahrung nach von etlichen Coaches mit rein systemischer Ausrichtung außer Acht gelassen wird, ist die Tatsache, dass erstens auch der Einzelne in der Lage ist, das System zu beeinflussen und dass zweitens der Einzelne ebenfalls ein „System“ oder „Sub-System“ ist, zu dessen Verständnis eben doch mehr erforderlich ist, als nur systemische Denkansätze. Jedes Individuum mit seinen unterschiedlichen Reaktionsweisen ist ein Sub-System des Systems „Team“ und manchmal verändert es eben das ganze System Team mit seinem Kommunikationsverhalten, wenn sich das Sub-System Individuum verändert, weil es etwas aus seinem lebensgeschichtlichen Zusammenhang verstanden hat und daraufhin verändern konnte.

Beziehungen sind fast immer gekennzeichnet von gegenseitiger Beeinflussung, es finden immer Wechselwirkungen statt – dass Verhalten nur vom Kontext bestimmt wird, ist in meinenAugen deshalb genauso falsch, wie zu behaupten, Probleme seien immer individueller Natur.

Wenn man davon ausgeht, dass man in einem System nicht an einer Stelle etwas anstoßen kann, ohne dadurch Auswirkungen auf das Gesamte zu bekommen, so liegt eigentlich ebenfalls auf der Hand, dass durch eine psychologische Veränderung des Sub-Systems Individuum die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sich auch etwas im gesamten System verändert.

In privaten Systemen wie einer Familie zeigt sich das schnell und deutlich. Ich habe das am Beispiel einer Mutter erlebt, die mich anrief, weil sie gern gehabt hätte, dass ich eine Sitzung mit ihrem Sohn mache, der mit elf Jahren immer noch Bettnässer war. Nachdem sie mir etwas ausführlicher ihre Geschichte erzählt hatte, schlug ich ihr vor, besser eine Sitzung mit ihr selbst zu machen. Mein Eindruck war, dass die Probleme des Kindes viel mit dem Druck zu tun hatten, den sie auf ihn ausübte. Sie ließ sich darauf ein und bei der Arbeit mit Introvision zeigt sich schnell, wie wichtig es für sie war, dass sie gebraucht wurde. Dafür zu sorgen, dass sie gebraucht wurde, war fast ein psychisches „Überlebensprogramm“ für sie. Die Folge davon war, dass sie ihr Kind ständig einengte, und der Sohn auf Grund dieses Drucks sowohl die Probleme mit dem Bettnässen entwickelte, als auch Schwierigkeiten in der Schule hatte – weshalb er sie dauernd als „Unterstützung“ brauchte.

Allein schon das Durcharbeiten des Imperativs „Ich muss unbedingt gebraucht werden“, führte dazu, dass sich das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn deutlich entspannte. Nach einer zweiten Sitzung mit der Mutter hörte beim Sohn das Bettnässen auf. Das heißt – wir haben im IntrovisionCoaching zwar individuell gearbeitet, doch es hat sich im gesamten Familiensystem einiges bewegt. Denn gleichzeitig waren auch Auswirkungen auf den Ehemann zu beobachten und die Beziehung zwischen den Ehepartnern veränderte sich. Selbst am Arbeitsplatz der Mutter tat sich etwas, denn sie konnte plötzlich neue Reaktionsweisen zeigen, die auch im dortigen System zu Veränderungen geführt haben.

Es ist also auch für systemische Coaches durchaus sinnvoll und hilfreich, Methoden zu kennen, bei denen man nur mit dem Individuum arbeitet – ohne zirkuläres Fragen oder ähnliche Verfahren – aber wichtige Stressoren außer Kraft setzt und damit im System einige Veränderungen in Gang setzt. Es kann nicht zielführend sein, wenn das rein systemische Denken überstrapaziert wird. Ein Coach sollte systemisch denken können, er sollte die Auswirkungen von Verhaltensweisen abschätzen können, er sollte verstehen, wie Systeme funktionieren, aber – wenn er nichts vom Subsystem Mensch versteht, ist er unter Umständen ziemlich schnell mit seinem Latein am Ende.

Ein guter Coach muss in der Lage sein, jemanden auch über die inneren, persönlichen Hürden hinwegzuhelfen.

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