Innere Stärke ohne Kampf

Über den Zusammenhang zwischen den in der Transaktionsanalyse so genannten Antreibern und den Imperativen aus der Introvisionstheorie ist an anderer Stelle schon geschrieben worden. Hier soll jetzt besonders auf den Antreiber „Sei stark“ eingegangen werden.

Diesen Antreiber findet man vielleicht etwas häufiger bei Männern als bei Frauen, denn das Rollenklischee, dass ein „echter Mann“ keine Schwäche zu zeigen hat, existiert ja immer noch erstaunlich häufig. Aber es gibt auch genügend Frauen, die keine innere Erlaubnis besitzen, um Hilfe zu bitten, rechtzeitig einen Gang zurück zu schalten, sich eine Auszeit zu gönnen.

Eine Begleiterscheinung, die zum Antreiber gehört, besteht darin, sich von seinen Gefühlen abzukoppeln, denn die machen schwach und verwundbar. Wer von seinen Eltern nach dem Motto „Sei stark“ erzogen wurde, der hat schon früh gelernt und trainiert, möglichst viel auszuhalten und keine Gefühle zu zeigen.

Dabei hat man verlernt, auf seine Körpersignale zu achten, denn Gefühle und körperliche Empfindungen sind eng miteinander verknüpft. Das kann jemand mit dem „Sei stark“ – Antreiber gar nicht zulassen.

Da Menschen mit dem „Sei-stark“-Antreiber beständig trainiert haben, ihre körperlichen Signale zu ignorieren, werden selbst augenscheinliche Symptome, die Überlastung anzeigen, herunter gespielt oder gar nicht wahrgenommen. Die Unfähigkeit, Körpersignale wahrzunehmen, kann jedoch gefährliche Folgen haben, denn man schwebt in der Gefahr, sich so exzessiv zu überlasten, dass man eines Tages seine Gesundheit ruiniert.

Menschen mit  „Sei stark“ werden meist auch von anderen als unheimlich stark und belastbar wahrgenommen, weshalb sie leicht noch mehr aufgebürdet bekommen, als sie ohnehin schon schultern. Sie wehren sich auch nicht – sie kennen sich ja als überaus leistungsfähig. Das geht so lange „gut“, bis man einen Zusammenbruch erleidet, zur eigenen Überraschung und der der Mitmenschen.

Da man keine innere Erlaubnis besitzt, sich Hilfe zu holen, beißt man so lange es überhaupt nur geht die Zähne zusammen und boxt sich alleine durch. Die Imperative lauten demzufolge: „Ich darf keine Schwäche zeigen!“ oder „Ich darf nicht um Hilfe bitten!“ oder, noch weiter gehend „Es darf auf keinen Fall passieren, dass ich ausgeliefert bin!“ Denn gerade Menschen mit dem „Sei-stark“-Antreiber finden die Vorstellung, selbst gar nichts mehr tun zu können, sich in einer Situation zu finden, in der man ausgeliefert ist, besonders erschreckend.

Ein Klient, der diesen Antreiber par excellence vorlebte, musste eines Tages feststellen, dass seine Kräfte doch nicht für die Ewigkeit gemacht waren. Er konnte es selbst kaum glauben, hatte er doch bisher alles gestemmt und dann noch eine Extra-Portion obendrauf. Das lief so lange gut, bis es schief ging und er alle Symptome eines Burn-out zeigte. Doch selbst zu diesem Zeitpunkt kam er noch nicht auf die Idee, dass er vielleicht fremde Hilfe benötigen könnte, sondern plante generalstabsmäßig, wie er wieder auf die Beine käme.

Im Coaching, in das er nur kam, weil die Firma darauf bestand, wollte es ihm zunächst nicht in den Kopf, dass der Tinnitus, der von seinem Burn-out zurückgeblieben war, nicht durch eine zusätzliche Kraftanstrengung zum Verschwinden zu bringen war.  Als er schließlich verstanden hatte, dass ein Symptom wie Tinnitus nicht durch Eingreifen von außen zu bewältigen ist, sondern man ganz anders damit umgehen muss, übte er mit der ihm eigenen Konsequenz Introvision.

Tinnitus wird von Stress verursacht und gerade beim Umgang mit Tinnitus hat sich erwiesen, dass es das Symptom verschlimmert, wenn man sich dagegen wehrt. Je ungeduldiger man das Ohrgeräusch weghaben will, desto hartnäckiger wird es. Betroffene wissen, dass einen dieses ständige Ohrgeräusch fast zum Wahnsinn treiben kann, und versuchen deshalb oft umso mehr, dem durch Eingreifen von außen – es weg haben zu wollen – ein Ende zu bereiten.

Viel bessere Ergebnisse erzielt man jedoch, wenn man sich auf das Geräusch einlässt. Wenn man bereit ist, in das Geräusch hinein zu hören, statt dagegen zu gehen, macht man die Erfahrung, dass es weniger wird, vielleicht sogar ganz verschwindet, auf jeden Fall nicht mehr eine solche belastende Störung darstellt.

Sich einer Sache so widerstandslos zu überlassen, ist für Menschen mit „Sei stark“ – Antreiber eine große Herausforderung. Wenn man den Anspruch an sich selbst hat, alles zu bewältigen, alles zu packen, fällt es schwer, nichts zu tun, Dinge einfach einmal geschehen zu lassen und alles nur zu beobachten. So war es auch für diesen Klienten verblüffend, zum ersten Mal bewusst wahrzunehmen, wie viel in ihm passiert. Noch mehr verblüffte ihn allerdings die Erkenntnis, wie entspannend es sein kann, einmal nicht mehr kämpfen zu müssen, sondern sich dem, was passiert, zu überlassen.

Der Klient machte die Erfahrung, dass die Introvision ihm nicht nur half, besser mit seinem Tinnitus klarzukommen, sondern dass er durch die Introvision überhaupt zu mehr innerer Ruhe kam. Es brachte ihm eine bisher nicht gekannte Entspannung, nicht mehr kämpfen zu müssen. Und er hatte die Erkenntnis, dass dieses Mitgehen, mit dem was ist, etwas anderes ist als „sich in seine Schwächen plumpsen zu lassen und nur noch zu leiden und zu jammern“, wie er vorher gefürchtet hatte. Bewusst beobachten ohne einzugreifen heißt eben nicht, sich gehen zu lassen, sondern ist eine Form von innerer Stärke, die ohne Kampf auskommt.

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