Feiertage vorbei – Pfunde noch da?

Achtsamkeit ist das wesentliche Element im IntrovisionCoaching um Imperative und die damit verbundenen Alarme aufzulösen. Doch Achtsamkeit ist darüber hinaus vielseitig einsetzbar.

Drei Puzzleteile und Tafel mit FingerIn letzter Zeit fiel mir auf, dass ich in den Seminaren immer wieder Teilnehmer hatte, die darüber klagten, dass sie große Mühe hätten, die nötige Zurückhaltung an den Tag zu legen, was den Verzehr von Süßigkeiten betreffe. Angesichts der Kekse, die bei uns in den Seminarpausen auf dem Tisch stehen, meinte erst kürzlich ein Teilnehmer: „Ich habe echt alles ausprobiert, um mich davon abzuhalten, zu viele Kekse oder Schokolade zu essen. Aber es klappt einfach nicht! Bei mir hat noch nichts geholfen.“ Er ließ sich trotzdem darauf ein, etwas Neues auszuprobieren.

In meiner Ausbildung zum MBSR-Lehrer habe ich gelernt, dass es in der Selbstbeherrschung darum geht, zwischen einem Impuls und der darauf folgenden Reaktion einen Raum der Achtsamkeit zu schaffen. „Normalerweise“ lenkt nämlich der innere Autopilot unser Verhalten in solchen Situationen: Es gibt einen Impuls und wir reagieren augenblicklich darauf. So dass es fast so aussieht, als seien die beiden eins: Impuls-Nervenzelle feuert „Hm, lecker Kekse“ und Reaktionsnervenzelle feuert mit Lichtgeschwindigkeit hinterher „Sofort zugreifen“. Das funktioniert so gut, dass die beiden von nun an nur noch als gemeinsames Team auftreten und die Entschluss-Zelle „He, ich wollte das doch eigentlich gar nicht!“ bloß lahm hinterher hinkt.

Man kann die beiden Kumpels aber trennen. Mit Achtsamkeit gelingt es, einen immer größer werdenden Raum zu schaffen zwischen Impuls und Reaktion und das ist genau der Freiraum, den der willentliche Entschluss braucht, um dazwischen zu kommen und das eigene Verhalten wieder in die Hand zu nehmen. Das nennt man, sich die Entscheidungsfähigkeit zurückzuerobern.

Dem Teilnehmer habe ich folgendes vorgeschlagen: „Hör auf damit, dir vorzunehmen, auf gar keinen Fall Kekse zu essen. Sondern nimm dir vor, mal bewusst wahrzunehmen, wann der Impuls kommt, nach einem Keks zu greifen. Und dann zähl bis sechsundzwanzig. Wenn du danach immer Lust hast, den Keks zu essen, dann tu es auch ohne schlechtes Gewissen.“

Ich denke, es ist wichtig, bei sich selbst keinen Imperativ aufzuzwingen „Ich darf auf keinen Fall Kekse essen!“ Das belastet nur unnötig. Diesen „Verzicht“ auf den Imperativ kombiniert man mit der Schaffung eines Raumes zwischen Impuls und Reaktion, das ermöglicht die nicht-automatisierte Entscheidung.

Der Erfolg des Teilnehmers: Er hatte es zum ersten Mal seit Jahren geschafft, drei Tage lang keinen einzigen Keks zu essen.

Ich habe diese Methode nicht nur mehrfach mit Teilnehmern zufriedenstellend ausprobiert, sondern auch mit mir selbst. Obwohl an Ostern tagelang eine Schüssel mit meinen Lieblings-Schoko-Eiern auf dem Tisch stand, habe ich kein einziges gegessen und bin so meinem Vorsatz, meinen Schoko-Konsum drastisch zu reduzieren, treu geblieben.

Die sechsundzwanzig ist übrigens keine magische Zahl. Man kann auf das Zählen auch verzichten. Ich habe einfach meinen Impuls eine gewisse Zeit beobachtet, ein paar Sekunden oder so, und mich dann gefragt „Will ich das Ei jetzt essen oder nicht?“

Leichte Suchtstrukturen wie der Jieper nach Keksen oder Schokolade können mit dieser Methode der Achtsamkeit, wie wir sie auch im IntrovisionCoaching verwenden, ganz gut aufgelöst werden. Übrigens: Achtsamkeit in diesem Sinne ist ein hilfreicher Bewusstseinszustand, der keine „spirituelle“ Dimension besitzen muss wie sie von vielen Adepten höherer Erleuchtungsgrade gern gefordert wird. Achtsamkeit gehört zum Alltag – oder sollte dazu gehören –  weil es durch sie einfach möglich wird, Räume zu schaffen für bewusste Entscheidungen, ohne automatisierte Reaktionen.

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