Achtsamkeit in der Introvision

Achtsamkeit in der Introvision

Autor: Ulrich Dehner

Im IntrovisionCoaching gibt es einige Faktoren, die eine wesentliche Rolle spielen. So ist es, wie ich schon in früheren Beiträgen ausgeführt habe, wichtig für das Gelingen, wie gut die Problemanalyse war. Der Coach muss die richtigen Imperative herausarbeiten, damit ein Konflikt sich dauerhaft auflösen kann.

Der nächste Punkt ist, dass die Sätze, mit denen der Klient sich in die weite Wahrnehmung seiner inneren Reaktionen begibt, optimal formuliert sein müssen, damit sie den Punkt der Problematik treffen.

Das Thema, auf das ich heute zu sprechen kommen will, bezieht sich auf die Achtsamkeit. Die Klienten müssen zwingend lernen, welches die richtige innere Haltung der Achtsamkeit ist, mit der sie Introvision üben. Nur wenn die Haltung der Achtsamkeit stimmt, kann die Verarbeitung der Imperative stattfinden.

Diese Art der Achtsamkeit, des inneren Beobachtens unterscheidet sich stark von dem, was meistens passiert, wenn Menschen sich gedanklich mit einer Situation oder einem Problem beschäftigen. Das sieht üblicherweise nämlich so aus:

Ein Gedanke taucht auf: „Es könnte sein, dass ich das nicht schaffe!“ Und schon spürt man, dass dieser Gedanke Gefühle, Körperreaktionen und weitere Gedanken auslöst. Man lässt sich davon „faszinieren“, das heißt, statt das alles wertfrei zu beobachten, verliert man sich in diesem unangenehmen Gemisch. Und weil es so unangenehm ist, will man es weghaben. Was tut man, wenn man ein Problem weghaben will? Man lenkt sich ab, man zwingt sich an etwas anderes zu denken oder man versucht zu analysieren, wo es herkommt. Dazu stellt man sich in etwa folgende Fragen: „Weshalb macht mir das so zu schaffen? Warum habe ich gerade vor dieser Aufgabe Angst? Was ist an dieser Aufgabe anders als an anderen, die ich doch erfolgreich gelöst habe? Wieso ist mir gerade diese Situation so unangenehm? Was hat das mit meiner Lebensgeschichte zu tun?“

Man beginnt also intensiv „nachzudenken“ – und meistens mündet dieses Nachdenken in Gedankenschleifen. Gedankenschleifen, die sich zu einem richtiggehenden Gedankenkreiseln steigern. Es gehen einem immer wieder nur noch die gleichen Dinge durch den Kopf, bis das Problem letzten Endes immer größer statt kleiner wird. Das Ursprungsproblem, die schwierige Aufgabe, die die innere Unruhe auslöste, führt zur Erkenntnis, dass man womöglich scheitern könnte, was die Angst und die Selbstzweifel erhöht, weil man sich plötzlich mehr und mehr in Frage stellt. Man generalisiert, und aus der Frage „Warum scheue ich vor dieser Aufgabe zurück?“ wird in mehr oder weniger rascher Folge „Wie gut bin ich überhaupt in meiner Arbeit?“ bis zu „Was stimmt eigentlich nicht mit mir, dass ich immerzu solche Probleme habe?“

Was ich gerade skizziert habe, bildet den Prozess des „Grübelns“, wie ihn die meisten Menschen aus irgendeinem Zusammenhang wahrscheinlich kennen, ziemlich genau ab. Man will etwas herausfinden, um sich von unangenehmen Gefühlen zu erleichtern, und reitet sich stattdessen immer tiefer hinein.

Wenn diese Art des „Nachdenkens“ überhaupt ein positives Ergebnis zeitigt, kommt es im besten Fall zu einer kurzen Phase der Beruhigung. Denkt man jedoch das nächste Mal an das Bevorstehende oder an die Situation, erlebt man wieder die gleichen Reaktionen wie vorher.

Was ist das andere in der Achtsamkeit?

In der achtsamen Beobachtung des dem Imperativ entgegengesetzten Gedankens, bleibt man in der offenen, weiten Wahrnehmung aller inneren Reaktionen, ohne sie zu bewerten, ohne sich von ihnen mittragen zu lassen, ohne das Bewusstsein darüber, dass man beobachtet, zu verlieren. Wer den „Beobachter“ in sich nicht mehr erkennt, der ist nicht mehr in der Achtsamkeit.

Die Achtsamkeit besitzt also die Doppelnatur, sowohl aktiv als auch passiv zu sein.

Aktiv ist sie, indem sie bewusst den Fokus auf den von ihr gewählten Gedanken herstellt und ihn darauf hält.

Passiv ist sie, indem sie einfach geschehen lässt. Alles, was an Reaktionen kommt, wird wertfrei wahrgenommen, ohne etwas abzulehnen, ohne etwas zu bevorzugen, ohne etwas ändern zu wollen.

DAS IST SCHWIERIG!

Denn unser Verstand ist dafür geschaffen, Probleme „zu lösen“. Verstand will analysieren, das macht er seit frühester Kindheit so, daran ist er gewöhnt. Also wird er immerzu versuchen, in die weite Wahrnehmung hineinzupfuschen.

Nur bringt das keinen Schritt weiter – denn diese Analysiererei ist eine Ausweichstrategie des Gehirns, um sich all dem Unangenehmen, was sich da im Innern abspielt, zu entziehen.

Eine Verarbeitung findet jedoch nur statt, wenn man das alles einmal zulässt – und es sich einfach anschaut. Mein Bild dafür, mit dem ich Klienten nahebringen will, was sie tun sollen, ist das Gewitter, wenn es emotional sehr hoch her geht. Ich erkläre ihnen, dass sie sich vorstellen sollen, am Fenster zu stehen und ein wirklich heftiges Gewitter zu beobachten – es blitzt, es donnert, es stürmt, der Regen peitscht die Straße, aber sie stehen im sicheren Haus und schauen nur zu. Sie nehmen nur wahr und stürzen sich nicht rein ins Getümmel.

Wenn die Arbeit nicht ganz so emotionsgeladen und dramatisch ist, verwende ich auch gern ein anderes Bild, um die achtsame Wahrnehmung anschaulich zu machen. Ich sage den Klienten, sie sollen sich vorstellen, in einem Straßencafé auf einem lebhaften italienischen Platz zu sitzen. Da ist viel Verkehr, es kommen alle möglichen Fahrzeuge vorbei, es gehen Menschen vorüber, es wird viel geredet und gestikuliert, am Nachbartisch wird vielleicht gestritten, aber man käme nicht auf die Idee, da einzugreifen. Man trinkt seinen Cappuccino und sieht sich das Schauspiel an, ohne sich für jemanden im Besonderen zu interessieren, ohne über etwas gesondert nachzudenken.

Man lässt also alles zu an Gedanken, Erinnerungen, Bildern, Gefühlen, Körperreaktionen, die einfach kommen und wieder gehen können.

Diesen Zustand der wertfreien Wahrnehmung aufrecht zu erhalten, ist nicht einfach. Besonders, wer bereits Meditationserfahrung hat, weiß das – man braucht sich gar nicht mit einem Problem herumschlagen, um ganz schnell von seinen Gedanken fortgetragen zu werden. Statt zum Beispiel beim Beobachten des Atems zu bleiben, sucht sich das Gehirn einen neuen Fokus „Was war eigentlich gestern im Büro los?“ „Soll ich mir einen neuen Computer kaufen?“ „Wohin wollen wir dieses Jahr in Urlaub fahren?“ „Ich muss unbedingt meine Steuererklärung noch machen!“ Einem solchen angebotenen Fokus nicht zu folgen, erfordert sehr viel Entschlossenheit und Wachsamkeit.

Achtsam zu bleiben und die Gedanken und Gefühle nicht die Regie übernehmen zu lassen ist jedoch das A und O für das Gelingen der Arbeit. Bei Gefühlen ist das sogar noch schwieriger als bei Gedanken, denn ein starkes Gefühl zieht einen durch die Intensität der Erfahrung einfach mit. Doch Klienten können lernen, ein Gefühl nicht unterdrücken zu wollen, ihm aber auch nicht einfach zu folgen, sondern in der Wahrnehmung zu bleiben.

Beim achtsamen Wahrnehmen von Gefühlen handelt es sich in meinen Augen jedoch nicht um das, was im Fachjargon als „dissoziierter Zustand“ beschrieben wird und wie er beispielsweise in der Trance vorkommt. Ich halte es vielmehr für einen Zustand, der sich genau zwischen „dissoziiert“ und „assoziiert“ befindet. Man nimmt die Gefühle einerseits sehr deutlich wahr, ohne den Kontakt zu ihnen zu verlieren, wie es bei der Dissoziation der Fall ist, aber man ist nicht so stark damit assoziiert, dass es das ganze Sein ausfüllt, denn es gibt noch einen unabhängigen Teil, der die Gefühle beobachten kann.

Wenn dieser Zustand nicht hergestellt werden kann, ist meines Erachtens der Vorgang der Introvision nicht erfolgreich, denn dann fällt der Klient einfach in Muster zurück, die unzählige Male eingeübt wurden – ohne je das Problem zu lösen.

Das Paradoxe an IntrovisionCoaching ist, dass eine Veränderung erreicht wird, gerade dadurch, dass man nichts mehr verändern will. Alle Veränderungswünsche aufgeben, beobachten, was kommt, alles wertfrei anschauen – das führt zu jener inneren Verarbeitung und „Nachentwicklung“, durch die sich die Dinge verändern können.

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Herr Dehner,
    ich habe Ihren Artikel über Achtsamkeit nochmals gelesen. Besonders angesprochen haben mich die beiden Bilder, das Gewitter oder in einem Cafe in Italien zu sitzen. Diese beiden Metaphern treffen es ziemlich gut, was mit dieser Art von Achsamkeit gemeint ist.
    Mich beschäftigt schon länger das Paradoxon: Alles sein lassen und dadurch geschieht Veränderung und ich habe es auch schon erlebt. Es war eine Situation, in der ich unzufrieden war und ich habe meine Unzufriedenheit einfach sein lassen und beobachtet und nicht weggemacht. Es kam dann der Zeitpunkt, an dem sich diese innere Unzufriedenheit einfach davon geschlichen hat, ohne dass ich sie bekämpft hätte. Diese Achtsamkeit lohnt sich, zu trainieren, wenn es auch nicht so einfach ist.
    Danke für den Beitrag und herzliche Grüße
    Brigitte Hettenkofer

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    • Liebe Frau Hettenkofer,
      da treffen Sie genau den Punkt, einfach sein lassen, ohne etwas verändern zu wollen und ohne auszuweichen, das ist Achtsamkeit, und das ist auch der Wirkmechanismus in der Introvision. In der Achtsamkeits-Meditation kommen solche negativen Gedanken irgendwann und können sich dann durch die Achtsamkeit auflösen, in der Introvision aktivieren wir sie gezielt und bewusst und bearbeiten sie dann mit Achtsamkeit. Ich habe gerade darüber noch einen Artikel für den Blog geschrieben. Der kommt im Laufe des Tages.

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