Persönliches Wachstum durch Introvision beziehungsweise MBSR-Meditation

Persönliches Wachstum durch Introvision beziehungsweise MBSR-Meditation

Autor: Ulrich Dehner

Introvision als Methode, wie sie von Frau Professor Wagner an der Uni Hamburg entwickelt wurde, baut dezidiert auf der Medititationsform auf, wie sie im MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) – Programm von Jon Kabat-Zinn praktiziert wird. In der MBSR-Meditation lernt der Übende, einen inneren Beobachter zu installieren. In dieser Haltung des inneren Beobachters schaut sich der Übende alles an, was in seinem Inneren passiert.

Beim inneren Beobachten treten früher oder später auch Seiten der eigenen Persönlichkeit zutage, die abgelehnt, nicht gemocht werden. Der „übliche“ Umgang mit Seiten, die man an sich selbst nicht mag, ist, sie zu unterdrücken, sie weghaben, auf jeden Fall verändern zu wollen. Wenn man also spürt, dass da ein ängstlicher, verzagter Teil ist, oder ein neidischer, missgünstiger Teil oder was immer es auch sei, tut man für gewöhnlich alles mögliche, um diesen Teil nicht wahrnehmen zu müssen.

So lernt man im Laufe seines Lebens etliche Wege um zum Beispiel mit einer Angst umzugehen. Diese „Wege“ sind für gewöhnlich jedoch Ausweichmanöver: Man schiebt die Angst einfach weg, man beruhigt sich mit Atemtechnik, man gibt sich „positive“ Botschaften oder man lenkt sich ab. Man will diesen Teil nicht haben und in der Psychotherapie nennt man dieses Vorgehen einen Versuch der „Abspaltung“.

Genau dieses Vorgehen bewirkt jedoch, dass dieser Persönlichkeitsanteil, der vermutlich ein junger Teil ist, der schon früh erworben wurde, sich nicht entwickeln kann, denn dafür bräuchte er Raum und Auseinandersetzung. Der ungeliebte Persönlichkeitsanteil bleibt auf dem ursprünglichen Entwicklungsniveau stehen, weshalb man Reaktionen und „Ausbrüche“ dieses Teils meist selbst als „kindisch“ und unreif, unangemessen oder „neurotisch“ erlebt, weshalb man sie erst recht weghaben will. In der Terminologie der Transaktionsanalyse ausgedrückt, würde man sagen, das sind Reaktionen aus dem Kind-Ich.

Doch was würde man als vernünftiger und mitfühlender Erwachsener mit einem realen Kind machen, das sich ängstigt? Man wüsste, dass ein solches Kind vor allen Dingen eines braucht: Dass man es in den Arm nimmt und ihm Aufmerksamkeit schenkt. Also würde man es vermutlich auf den Schoß nehmen und mit ihm über die Angst sprechen. So lernt es, seine Angst zu bewältigen und kann sich auch wieder anderen Dingen widmen.

In der Meditation kommt der Geist – auch wenn er sich nur auf etwa die Atmung fokussieren will – früher oder später auf solche abgelehnten Teile. Sie tauchen aus dem Unterbewussten auf und nun bekommen sie auch Raum. Denn der Übende hat gelernt, sie sich aus einer nicht-wertenden, rein beobachtenden Haltung anzusehen. So beginnt man, sie zum ersten Mal bewusst wahrzunehmen, ohne sie sogleich verändern zu wollen. Man gibt ihnen also nicht nur Raum – man gibt ihnen wohlwollenden Raum, so wie man es mit dem realen Kind machen würde. Genau diese nicht-wertende Aufmerksamkeit führt dazu, dass es zu einer Verarbeitung, quasi einer „Nachreifung“ kommen kann – ganz von allein, ohne jedwedes Eingreifen. Jeder Meditierende, der diese Erfahrung bereits gemacht hat, hat diesen Mechanismus als sehr positiv und bereichernd erlebt.

In der Meditation muss man jedoch darauf warten, bis solch ein Teil sich an der Oberfläche zeigt, und das kann unter Umständen lange dauern. Die Nachentwicklung findet damit mehr oder weniger zufällig statt – von „gezielter“ Persönlichkeitsentwicklung kann daher keine Rede sein.

Ein großer Verdienst von Frau Professor Wagner bestand darin, erkannt zu haben, dass durch all die verschiedenen Eingreif-Versuche des Gehirns die inneren Konflikte nicht gelöst werden. Dass man den Konflikt jedoch gezielt angehen kann, indem man mit dem entsprechenden, konflikt-auslösenden Gedanken nach innen geht und dann in der achtsamen Haltung des inneren Beobachters wahrnimmt, was passiert. So erhalten die Gedanken und Gefühle, die für den inneren Konflikt verantwortlich sind, und die man bislang vermieden hat, nun auch ihren Raum und können sich entwickeln.

Wie ausgeprägt der Versuch der Vermeidung bei vielen Menschen war, kann man beim IntrovisionCoaching  zum Beispiel daran erkennen, dass sie schon beim Nennen des Satzes, mit dem sie nach innen gehen sollen, fast panisch, auf jeden Fall stark emotional, reagierten, was sich zum Teil auch in heftigen körperlichen Auswirkungen zeigte.

Was in der Meditation also im Laufe der Zeit passiert oder passieren kann, kann mit der Methode der Introvision gezielt in Gang gesetzt werden. Ich habe beim IntrovisionCoaching inzwischen etliche Male die Erfahrung gemacht, dass Manager, die noch nie irgend etwas mit Meditation zu tun hatten, sich plötzlich dafür interessierten, nachdem sie im Coaching die achtsame Haltung erlernt hatten. Ich gebe in solchen Fällen sehr gern eine Anleitung für eine 20-minütige MBSR-Meditation weiter, die sie sich zu Hause anhören können und habe mehrfach die Rückmeldung erhalten, dass damit regelmäßig meditiert wird, einfach weil die Leute spüren, dass ihnen das guttut. Jemand drückte das einmal so aus: „Die Meditation ist wie eine tägliche Dusche von innen.“

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