Skript und Introvision

Einschränkungen und Blockaden überwinden

Um zu verstehen, wie es zu Verhaltensmustern kommt, die sich durch die ganze Lebensgeschichte ziehen und die von außen betrachtet oft gänzlich unverständlich scheinen, ist das Konzept des „Lebensskripts“ aus der Transaktionsanalyse ein wertvolles und hilfreiches Modell. Ein Skript bezeichnet eigentlich das Drehbuch eines Films und ganz ähnlich ist der Begriff auch im psychologischen Zusammenhang zu verstehen. So, wie das Skript eines Stückes dem Schauspieler seine Rolle aufzwingt – er hat keine Berechtigung, selbständig aus dem Schurken den Helden zu machen, sondern muss dem vorgeschriebenen Muster folgen – so sorgt das Lebensskript dafür, dass ein Mensch immer wieder bestimmten Verhaltensmustern folgt. Das geht mit vielen Einschränkungen und inneren Blockaden einher.

Die Grundlagen für das Skript werden in der Kindheit gelegt. Wenn man als Kind immer wieder ganz bestimmte unangenehme Erfahrungen macht, führt das dazu, dass man letzten Endes ganz bestimmte Sichtweisen auf die eigene Person, auf andere Menschen und auf das Leben entwickelt. Diese Sichtweisen sind so stabil, dass sie auch im Erwachsenenleben noch das Verhalten der Person bestimmen. Wir wollen das an einem einfachen Beispiel erläutern: Jedes Kind erlebt Situationen, in denen es Ärger empfindet, Situationen, in denen Ärger auch durchaus die adäquate Gefühlsregung ist. Wenn ein Kind nun Eltern hat, die mit Ärger nicht umgehen können, werden sie seinen Ärger unterbinden. Wenn das Kind seinen Ärger laut ausdrückt, vielleicht weil es irgendetwas nicht darf, wird es dafür bestraft, zum Beispiel mit Liebesentzug. Hat das Kind häufig genug erlebt, dass Mama und Papa es nicht mehr lieb haben, wenn es Ärger empfindet und diesen Ärger auch zeigt, wird es lernen, seinen Ärger zu unterdrücken. Es entwickelt die Sichtweise „Es ist nicht in Ordnung, ärgerlich zu sein“ oder   auch „Ich bin nicht liebenswert, wenn ich ärgerlich bin“. Bis es allerdings so weit ist, dass es seinen Ärger total unter Kontrolle hat, wird das Kind viele sehr unangenehme Zeiten erleben.

Hier schließt sich ein Kreis zur Introvision. Ein Kind, das wütend, traurig und enttäuscht ist, und dann allein in sein Zimmer geschickt wird, wo es zu bleiben hat „bis es wieder brav ist“, erlebt Momente der Verzweiflung, es weint, es schreit vielleicht, fühlt sich hilflos und allein, es geht ihm wirklich nicht gut. Das ist so unangenehm, dass das Gehirn des kleinen Menschen irgendwann Anstrengungen unternimmt, um diese schreckliche Erfahrung in Zukunft zu vermeiden. Dafür installiert es einen Alarm, um anzuzeigen „Achtung! Da kommt eine Situation auf dich zu, die es unter allen Umständen zu vermeiden gilt!“

Dieser Alarm wird auch noch im Erwachsenen-Alter immer wieder losgehen, wenn es auch nur kleinste Anzeichen dafür gibt, dass eine Situation in der bekannten Weise unangenehm zu werden droht. Also entwickelt der Mensch, der als Kind gelernt hat „Ich bin nicht liebenswert, wenn ich ärgerlich bin“ Verhaltensmuster, die dazu geeignet sind, ihn um solche gefährlichen Klippen herumzuführen. Er ist betont friedfertig, immer auf Ausgleich bedacht und schluckt seinen Ärger, wo es nur geht, hinunter – und meist auch dann, wenn es eigentlich nicht geht. Statt einmal auf den Tisch zu hauen, wenn seine berechtigten Interessen missachtet werden, zieht er sich zurück, denn „er kann nun einmal nicht aus seiner Haut“. Doch mit seiner Haut oder seinem „Charakter“ hat das gar nichts zu tun – es ist sein Lebensskript, das ihm vorschreibt, seinen Ärger nicht zu zeigen.

Die Einschärfungen

In der Theorie der Transaktionsanalyse werden zwölf sogenannte Einschärfungen definiert, die bereits in der frühen Kindheit erworben wurden, aber noch das Verhalten des Erwachsenen nachhaltig prägen, denn jede Einschärfung hat weitreichende Auswirkungen.

Die zwölf Einschärfungen, die Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse formuliert hat, lauten:

  • Sei nicht
  • Sei nicht wichtig
  • Schaff‘s nicht
  • Zeig keinen Ärger
  • Denk nicht
  • Zeig keine Gefühle
  • Komm mir nicht zu nahe
  • Sei kein Kind
  • Werd nicht erwachsen
  • Sei nicht du
  • Gehör nicht dazu
  • Sei nicht gesund

Da die Einschärfungen nur dann wirksam werden, wenn sie entweder mit der entsprechenden Intensität oder unter besonders dramatischen und deshalb einprägsamen Umstanden gegeben werden, ist ihr Stellenwert in der Psyche der jeweiligen Person hoch. Einschärfungen sind klar als Verbote definiert – da soll also etwas unter allen Umständen vermieden werden. Hat jemand zum Beispiel die Einschärfung „Komm mir nicht zu nahe“ so muss jede Situation vermieden werden, in der Nähe entstehen könnte. Hat jemand die Einschärfung „Zeig keine Gefühle“, so muss die Person vermeiden, Gefühle zu zuzulassen oder gar zu zeigen. Das trifft sich mit jenen Imperativen, die in die Richtung gehen „Etwas darf unter gar keinen Umständen passieren!“

Damit eine Einschärfung angenommen und als „Bestandteil“ der Persönlichkeit installiert wird, wird das Verbot mit einem Alarm verknüpft – und je stärker die Einschärfung emotional aufgeladen ist, desto heftiger ist auch der Alarm, der losgeht, wenn der Imperativ bedroht wird. Es ist zu beobachten, dass Imperative, die auf Einschärfungen beruhen, häufig zu den „Schlüsselimperativen“ zählen – also zu jenen, die die Persönlichkeit besonders tief prägen. Sie haben eine starke Wirkung, ziehen sich von jung durch das ganze Leben. Es sind die Themen, die einen im Leben immer und immer wieder beschäftigen, die man wahrscheinlich sogar eines Tages akzeptiert hat, mit dem nicht sehr guten Gefühl „So bin ich nun einmal, daran kann man nichts ändern.“ Wer sich damit abgefunden hat, sieht nicht, dass auch solche Einschränkungen mit relativ wenig Aufwand verändert werden können.

Nehmen wir als Beispiel die Einschärfung „Sei nicht wichtig!“ Mit dieser Einschärfung hat ein Mensch gelernt, dass es auf gar keinen Fall passieren darf, dass er im Mittelpunkt steht, oder dass auf andere Weise irgendwie der Eindruck entstehen darf, er sei egoistisch. Wann immer also solche Situationen drohen – wenn jemand zum Beispiel geehrt oder gefeiert werden soll oder wenn jemand eigentlich etwas für sich selbst fordern sollte – geht sofort der innere Alarm los. Denn das, was da bevorsteht, liegt im glatten Widerspruch zum Imperativ, der in etwa lautet „Ich darf mich und meine Interessen auf gar keinen Fall in den Mittelpunkt stellen.“ Deshalb bremst man sich selbst immer wieder aus.

Arbeitet man nun an diesem Imperativ, der verknüpft ist mit der Einschärfung, hat das jeweilig eine vielfältige Wirkung. Denn wenn jemand mittels der Arbeit am Imperativ auch seine Einschärfung los wird, zeigt sich das auf mehr als nur einer Ebene. Auch wenn der Ausgangspunkt vielleicht eine berufliche Situation war, wird sich die Person in Zukunft auch im Privatleben anders verhalten. Und umgekehrt natürlich auch – wer von einer Problematik im Privatleben ausging, nun aber von der Einschärfung befreit ist, wird auch im Berufsleben ganz anders auftreten können.

Da sich durch den Wegfall einer Einschärfung das Verhalten ganz dramatisch ändern kann, kann das auch zu Irritationen in den Beziehungen mit dem Umfeld führen. Das scheint ein ganz neuer Mensch zu sein, der da jetzt auftritt, den kennt man so noch gar nicht. Wenn man einen Menschen bislang auf eine bestimmte Weise kennt, vielleicht auch liebt, ist es ungewohnt und womöglich erschreckend, wenn der jetzt plötzlich ganz anders reagiert, als man es gewohnt war. Je nachdem, wie Partner, Familie, Freunde damit umgehen, kann es dadurch auch zu Spannungen in den Beziehungen kommen, weil alte Muster nicht mehr funktionieren.

Wenn in einer Beziehung mit solchen Themen auch psychologische Spiele verknüpft sind, weil der Partner zum Beispiel solche alten Muster benutzt hat, um denjenigen, der mit der Einschärfung zu kämpfen hatte, zu manipulieren, ihn also dazu zu bringen, sich auf ganz bestimmte Art und Weise zu verhalten, können solche Spannungen auch ordentlich eskalieren. Bislang hat es doch auch immer geklappt, weshalb sollte es jetzt denn nicht mehr klappen – also wird der Druck auf den anderen erhöht. Ist der Alarm, und damit der Imperativ und die Einschärfung, jedoch endgültig gelöscht, nützt auch eine Eskalation nichts mehr, man wird auf das psychologische Spiel nicht mehr eingehen. Der Alarmanlage wurde der Stecker gezogen – da hilft auch starker Druck auf den „Ein“-Knopf nichts.

Die Antreiber als „Gegenskript“

Bislang war von Verboten die Rede – Eltern geben ihren Kindern jedoch auch „Handlungsanweisungen“ in Form von Geboten mit. Diese Gebote nennt die Transaktionsanalyse sehr treffend „Antreiber“, denn genauso wirken sich die Gebote aus: Sie setzen unter Druck. Häufig geben Eltern ihre eigenen Antreiber an die Kinder weiter. Oder sie reagieren mit den Antreibern auf die Schwierigkeiten, die die Kinder ihnen machen. Oder sie wollen mit den Antreibern auf die negativen Folgen reagieren, die sich auf Grund der Einschärfungen bei den Kindern einstellen.

Antreiber kommen in der Erziehung meistens zu einem späteren Zeitpunkt zum Einsatz als die Einschärfungen, für gewöhnlich mit dem Beginn der Schulzeit, und ebenso wie die Einschärfungen können sie sich mit unterschiedlicher Intensität äußern, es gibt milde und sehr heftige Formen. Ein milder Antreiber löst zwar negative Gedanken aus, belastet denjenigen aber längst nicht so sehr, wie es ein starker Antreiber tun würde. Ein Antreiber wird durch entsprechende Schlüsselsituationen ausgelöst und sorgt für mehr oder weniger großen inneren Stress.

Antreiber lassen sich in allen Lebenssituationen beobachten und wer sie bei sich und bei anderen verstanden hat, dem wird schnell das Muster klar, das hinter vielen Problemen und Konflikten steckt.

Die Transaktionsanalyse hat fünf Antreiber definiert:

  • Sei perfekt
  • Mach‘ anderen Recht/Sei gefällig
  • Streng dich an
  • Sei stark
  • Beeil dich

Was für die Einschärfungen gilt, dass sie Imperative im Schlepptau haben, trifft auch für die Antreiber zu, nur dass bei den Antreibern, die ja als Gebote formuliert sind, die Imperative die Form annehmen, dass etwas auf jeden Fall passieren muss. Wenn Situationen auftreten oder sich so entwickeln, dass das, was unbedingt passieren muss, droht, nicht einzutreten, springt der Alarm an. Nehmen wir den sehr häufigen Antreiber „Sei perfekt“. Wann immer jemand mit diesem Antreiber in „Gefahr“ gerät, weil er, vielleicht aus Zeitmangel, vielleicht aus einem anderen Grund, ein nicht hundertprozentiges Ergebnis abliefern muss, wird bei ihm der innere Alarm losgehen und er wird heftigen Stress verspüren.

Das Erleben eines Alarms ist immer etwas Unangenehmes. Aus diesem Grund unternimmt jeder bereits im Vorfeld einiges, um dem zu entgehen. Jeder Mensch springt beiseite und macht Platz, wenn er eine Feuerwehrsirene hört – nicht nur, weil man sich aus Vernunftgründen sagt, dass die Feuerwehr Platz braucht, sondern auch, weil die Sirene ein dermaßen unangenehmes Geräusch macht, das man sich davor gern in Sicherheit bringt.

So führt schon die Angst vor dem Alarm dazu, dass man sich in bestimmten Situationen oder bei bestimmten Vorhaben blockiert. Man schränkt sich quasi freiwillig ein, tut nicht, was man eigentlich tun möchte, erreicht nicht das, was man erreichen könnte,  weil der unangenehme Alarm droht.

Das ist offenbar Teil unseres „Bauplans“. Wir sind so eingerichtet, Angenehmes zu suchen und Unangenehmes zu vermeiden. Dieser Mechanismus war für den Urzeitmenschen vermutlich überlebenswichtig: Was ihm starke Magenschmerzen verursachte, aß er besser kein zweites Mal. Auf der psychischen Ebene ist der Mechanismus für uns heutigen Menschen allerdings hinderlich.

Er sorgt dafür, dass man für gewöhnlich eben nicht auf die Idee kommt, einen inneren Alarm einmal einfach nur auszuhalten, nur mit ihm zu sitzen und ihn wahrzunehmen. Dabei ist es genau das, was im IntrovisionCoaching passiert, und was Einschärfung oder Antreiber  letztendlich auflöst.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.